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MdB Gudrun Schaich-Walch, SPD - Link zur Startseite
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"Altern hat Zukunft. Chancen des längeren Lebens" - Innovationsklausur der SPD-Fraktion

Berlin, 27. Juni 2005

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

im Verlaufe dieses Tages haben Sie sich davon überzeugen können: Die SPD interessiert sich dafür, wie Menschen künftig im Alter leben und wohnen möchten, wie sich die Arbeitswelt angesichts des Demographischen Wandels verändern muss und welche Versorgungsnotwendigkeiten sich für den Gesundheitssektor im weitesten Sinne ergeben.

Sehr verehrte Damen und Herren, nicht erst, seit das Megathema „Demographischer Wandel“ in aller Munde ist, hat die SPD sich diesen Fragen gestellt. Unser Fraktionsvorsitzender Franz Müntefering hat innerhalb Fraktion und Partei frühzeitig Arbeitskreise gebildet. Es wurden Expertenmeinungen eingeholt, und Hearings veranstaltet. Die heutige Veranstaltung bildet in diesem Sinne einen ersten Höhepunkt.

Worum geht es uns? Die uns bekannten demographischen Veränderungen führen dazu, dass wir die Ressourcenförderung und -verteilung innerhalb unserer Gesellschaft neu verhandeln müssen. Wir müssen die Veränderungen und damit den Wandel gestalten. Hierzu bieten sich, wie wir heute erfahren haben, ebenso viele Chancen wie Herausforderungen.

Herausfordernd wird in einer Gesellschaft des längeren Lebens vor allem sein, Produktivität und Innovationskraft weiterhin zu steigern, um ausreichend Wachstum zu erzeugen und damit die Wettbewerbsfähigkeit unseres Landes zu sichern. Das kann nur gelingen, wenn wir in möglichst vielen Bereichen Spitzenleistungen erzielen, d. h. Produkt- und Verfahrensinnovationen sowie neue Dienstleistungen erfolgreich am Markt etablieren. Ohne die Einbeziehung der älteren Generation wird das angesichts der demographischen Entwicklung nicht zu schaffen sein. Wir müssen die Älteren also mit ins Boot bekommen. Unsere Wirtschaft braucht sie als Konsumenten. Unsere Gesellschaft braucht ihr Know How, ihre Erfahrung und ihre Qualifikation.

Herausfordernd wird auch sein, ausreichend Betätigungsfelder für Menschen im Dritten Lebensabschnitt zu erschließen. Damit ist sowohl ein längerer Verbleib im Arbeitsleben gemeint, als auch die Erschließung neuer Möglichkeiten Bürgerschaftlichen Engagements. Denn die klassische Dreiteilung unserer Lebensläufe in Ausbildung, Berufstätigkeit und Ruhestand erweist sich zunehmend als Auslaufmodell. Sie ist mit den Anforderungen einer modernen Industrienation weder vereinbar noch wird sie von der Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger angestrebt. Insbesondere die ältere Generation wünscht sich in der Arbeitswelt und darüber hinaus mehr und neue Möglichkeiten der Teilhabe.

Politik kommt hierbei die Aufgabe zu, trotz flexibilisierter Arbeits- und Lebensverhältnisse, trotz der Abnahme kollektiver Strukturen, Werte und Zeitrhythmen, den Zusammenhalt der Gesellschaft zu ermöglichen, neue Gestaltungsmöglichkeiten der individuellen Lebensplanung zu eröffnen und dennoch den Sozialstaat leistungsfähig zu erhalten. Hierfür die notwendigen Rahmenbedingungen zu entwickeln, wird eine der zentralen Herausforderungen der nächsten Jahre sein. Denn gerade in Zeiten, wo mehr Risikobereitschaft und Eigeninitiative jedes einzelnen erforderlich ist, steht der Staat in der Pflicht, Bürgerinnen und Bürgern bei der aktiven Bewältigung von Übergängen Unterstützung zu bieten.

Unsere Sicherungssysteme werden deshalb eher an Bedeutung gewinnen als verlieren. Auch das ein wesentlicher Grund dafür, wie wichtig es ist, dass unser Soziales Sicherungssystem stabil und damit leistungsfähig bleibt. Wir werden also in der näheren Zukunft sowohl darauf angewiesen sein, durch neue Ideen und Leitbilder mehr Wachstum zu initiieren, als auch, weitere Veränderungen innerhalb unserer sozialen Sicherungssysteme durchzusetzen.

Und genau hier, sehr geehrte Damen und Herren, liegen die Chancen des Demographischen Wandels. Es geht nämlich nicht nur um die Neuverteilung bestehender Ressourcen, sondern auch um die Erschließung von Ressourcen. Damit dies gelingt – auch das haben wir heute gelernt – müssen wir unser Augenmerk viel stärker darauf richten, wie Menschen leben möchten. Bezogen auf die ältere Generation bedeutet das, Erfahrungen stärker als bisher in Gesellschaft und Wirtschaft nutzen. Wir müssen dafür sorgen, dass Qualifikation und Können mehr und vor allem länger als bisher eingebracht werden können.

Besonders große Chancen sehen wir in den heute angesprochen Feldern, also den Bereichen der Arbeitswelt, der Gesundheitsvorsorge und der Frage, wie Menschen im Alter leben und wohnen möchten.

Wir wissen, dass ein integriertes Handlungskonzept erforderlich ist, um die Chancen des demographischen Wandels voll ausschöpfen zu können. Alle Akteure sind gefordert, den Paradigmenwechsel in der Stadtentwicklungs- und Wohnungspolitik, in der Gesundheitsvorsorge und in der Arbeitswelt einzuleiten.

Beispielsweise müssen wir uns fragen, welche Bedeutung die Prävention für ältere Menschen hat. Wir müssen in unserem Gesundheitssystem erwirken, dass angesichts der demografischen Entwicklung Ressourcen besser gebündelt werden. Statt die Akut-Medizin in den Mittelpunkt der medizinischen Versorgung zu stellen, müssen wir medizinischen Versorgungsstrukturen schaffen, die der demografischen Entwicklung gerecht werden. Noch sind Primäre, sekundäre und tertiäre Prävention nicht ausreichend verankert, die Kenntnisse darüber, wie Krankheiten durch eigenes Zutun verhindert werden können, nicht wirklich vermittelt.

Schließlich – wir haben es heute vielfach gehört und in der Mittagspause persönlich erlebt - müssen wir verstärkte Anstrengungen anstellen innovative seniorengerechte Produkte und Dienstleistungen am Markt zu etablieren. Die gilt insbesondere für den Gesundheitsmarkt, denn hierbei handelt es sich um die derzeit am stärksten wachsende Branche.

Bezogen auf die Wohn- und Lebenssituation älterer Menschen bedeutet das, Rahmenbedingungen zu schaffen, für ein selbständiges und selbstbestimmtes Leben im Alter. Hier wird vor allem Barrierefreiem Wohnen, Mehrgenerationenwohnen sowie Betreuten Wohngemeinschaften und Hausgemeinschaften, wie überhaupt gemeinschaftlichen Lebensformen künftig eine größere Rolle beigemessen werden. Es gilt, die Chancen vielfältiger, neuer Wohnformen zu nutzen: im Wohnungsbestand wie auch im Neubau.

Um das realisieren zu können, müssen die rechtlichen Rahmenbedingungen neu abgesteckt werden, Namentlich das Heimgesetz, das Wohnungsbauförderung, Pflege- und Krankenversicherung müssen einer kritischen Prüfung unterzogen werden.

Schließlich müssen wir uns bezogen auf die Arbeitswelt fragen, wie wir dem Wunsch vieler älterer Menschen, sich auch jenseits der jetzigen Pensionsgrenze beruflich betätigen zu können, realisieren. Viele ältere Menschen ziehen einem abrupten Ausscheiden aus dem Berufsleben einen langsameren Ausscheidungsprozess vor. Aus demographischer Sicht wird es künftig erwünscht sein, die Erwerbsquote älterer Arbeitnehmer zu erhöhen. Wie wir heute gehört haben, könnte dieser Wunsch durch verschiedene Maßnahmen realisiert werden.

Zum Beispiel könnte altersbedingten Beschränkungen im (körperlichen) Leistungsvermögen durch frühzeitige Qualifizierung für andere Tätigkeiten vorgebeugt werden. Ebenso wichtig wird es allerdings sein, durch verbesserte betriebliche Prävention und Gesundheitsförderung ein längeres Verbleiben im Beruf zu ermöglichen. Schließlich sind auch in der Arbeitsplatzgestaltung zahlreiche Möglichkeiten noch ungenutzt, die die mit zunehmendem Alter verändernde Leistungsfähigkeit der Arbeitnehmer berücksichtigen würden. Ganz wichtig erscheint mir jedoch, dass wir der Idee der Lebensarbeitszeit künftig mehr Rechnung tragen und so die strenge Dreiteilung unserer Lebensläufe verlassen.

Sehr geehrte Damen und Herren, ich kann und will mich hier nur auf einige Anregungen, die der heutige Tag uns gebracht hat, beschränken. Ich hoffe, Sie haben heute ebensoviel Neues und Anregendes erfahren, wie ich selbst. Wenn ich mich hier in der Runde so umschaue, sind es nicht wenige, die ein sehr persönliches Interesse an den heute diskutieren Fragen haben dürften. Ich denke, für uns alle gilt, dass wir uns mit einem Rentnerdasein herkömmlichen Zuschnitts nicht einrichten werden. Erfreulicherweise wissen wir, dass der Demographische Wandel zahlreiche Chancen bietet: Land des langen Lebens oder Republik der Greise. Die wachsende Lebenserwartung westlicher Gesellschaften bietet vielfältige Gestaltungsmöglichkeiten – wir sind sehr interessiert, weiterhin mit Ihnen im Austausch zu stehen. Erst einmal möchten wir sie aber einladen, noch ein bisschen hier auf der Fraktionsebene des Reichstaggebäudes zu verweilen. Vielleicht hatte der ein oder andere in der Mittagspause noch keine Gelegenheit, die zahlreichen Initiativen und Projekte, die sich hier heute vorstellen, kennen zu lernen. Sie können das jetzt nachholen.

Wir freuen uns auf weitere anregende Gespräche - Herzlichen Dank.

 

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